Sonntag, 19. Juni 2011

Die Römer und die Auebiker

Was haben die Römer mit den Auebikern gemeinsam? Nauders als Etappenort! 15 v. Chr. entschieden die alten Römer, eine Verbindung zwischen der Donau- und der Poebene zu bauen. Unter Kaiser Claudius wurde 60 Jahre später die Trasse für den Transit freigegeben. Und heute: unzählige Alpenüberquerer nutzen die leichte Strecke auf dem überwiegend asphaltierten Radweg über den Reschenpass ins Vinschgau und kommen so relativ unkompliziert über den Alpenhauptkamm. Doch so wie schon in dem herrlichen Bericht über die Bikedestination Nauders in einer Bike Ausgabe aus dem Jahr 2008 nachzulesen ist, verpassen die meisten Durchreisenden das eigentlich Beste: grenzenlose Trails. Und so gehörte seit dem Lesen dieses Berichts Nauders zu den Orten, die ich unbedingt einmal besuchen mußte.
Nach zwei komplett verregneten Tagen und einem Ausflug nach Meran am dritten Urlaubstag bei endlich besserem Wetter hatte ich langsam genug vom Faulenzen. Zu viel Wellness soll krank machen – zumindest wenn man auf der Relaxmatte bei Dudelmusik in den Ohren doch nicht abschalten kann, weil man sich nach Muskelschmerz und Atemnot auf seinem Mountainbike sehnt. Mittwoch 6:10 Uhr endlich strahlend blauer Himmel. Geil! Der Berg ruft! Bis zum Frühstück sollten knapp 900 Höhenmetern zu schaffen sein. In der Morgensonne strampele ich rauf zum erst vor 3 Jahren gebauten Speichersee für das Skigebiet Nauders in der Nähe von Plamort.


Im Süden leuchtet schneebedeckt das Ortlermassiv.


Nach einem kurzen Blick auf Nauders geht´s erst wieder ein Stück zurück und dann weiter rauf zur Bergstation der Bergkastel Seilbahn. Ab hier traile ich talwärts vorbei an der Goldseehütte und weiter bis ins Hotel an den Frühstückstisch. So fängt ein Urlaubstag gut an!
Den Rest des Tages haben wir die Wanderschuhe an. Mit der Seilbahn shutteln wir rauf zur Bergstation Bergkastel, machen noch mal einen kurzen Abstecher zum Speichersee und wandern auf einem herrlichen Pfad durch den Zirbenwald zum Hochmoor Plamort.
Hier oben geht es über die Grenze nach Italien zu den im zweiten Weltkrieg errichteten Panzersperren und Bunkeranlagen zum Schutz vor der Invasion von Hitlerdeutschland.
Am Felsen über dem Reschensee werden die obligatorischen Erinnerungsfotos gemacht. Der Rückweg führt uns bergab nach Reschen und von hier aus über die Via Claudia Augusta zurück nach Nauders. Knapp sechs Stunden Gehzeit – das Feierabendbier haben wir uns verdient!
Donnerstag steht die Sesvennarunde auf meinem Plan: Der Alpen-Klassiker schlechthin. Konditionell und fahrtechnisch anspruchsvoll wird diese Drei-Länder-Tour häufig in zwei Tagen gefahren und dabei meist auf der Sesvennahütte übernachtet. Nicht wenige Biker übernehmen sich wohl hoffnungslos, wenn sie die Strecke an einem Tag bezwingen wollen. Im Hotel Central holte ich mir bereits am Montag vom Nauderer Bikepionier Harry Ploner noch einen schönen Trail-Tipp und natürlich die Bestätigung, dass die Quar-Schlucht eisfrei und begehbar ist. Die Wetteraussichten am Donnerstag sind eher mies und deshalb starte ich so, dass ich am frühen Nachmittag die Schlucht vor den vlt. kommenden Gewittern hinter mir haben sollte. Über die Via Claudia fahre ich von Nauders hoch zum Reschenpass und am Reschenseeufer entlang Richtung Süden.
Vor dem Haidersee wechsele ich die Talseite und halte mich rechts in Richtung Burgeis.
Hier fahre ich dem Tipp vom Harry Ploner folgend ein Stück auf Asphalt zwei Kehren hoch zum Kloster Marienberg.
Jetzt beginnt der Trail meist bergauf in Richtung Schlinig. Die Aussichten ins obere Vinschgau auf das kleine Örtchen Mals sind traumhaft, und nicht nur für den Ziegenbock.
Zu meiner Überraschung stelle ich irgendwann fest, dass wir hier bereits während unserer Alpenüberquerung 2006 lang kamen, nur damals halt von oben.
Der Weg rauf nach Schlinig wird mit jedem Höhenmeter zäher und das immer wieder aufsteigende Vorderrad beruhigt mich insofern, dass es wohl doch verdammt steil ist und ich nicht einfach schon platt… Hinter Schlinig ist es vorerst etwas flacher auf meinem Weg durch das Schliniger Tal rauf zur Sesvennahütte. Eingebettet zwischen Dreitausendern schlängelt sich der Weg durch die Almen.
Wolken drücken immer öfter nach unten und langsam beginnt es zu regnen.
Kurz vor dem Wasserfall beginnt die heftige Schiebepassage zur Sesvanna, die oberhalb der Kante steht und von hier aus noch nicht zu sehen ist.
Dann die letzte extrem steile Stelle des Aufstiegs, oberhalb ist der Weg wieder fahrbar.
Die Hütte hat erst seit einer Woche geöffnet und bei diesem ungemütlichen Wetter gibt es nur wenige Gäste die sich meist die bekannten Hüttenmakkaroni schmecken lassen. 2006 kamen wir vom Fimberpass und übernachteten hier oben, bevor wir am nächsten Tag weiter zum Tarscher Pass fuhren. Damals war es rappelvoll. Die Mädels, die an dem Abend für Stimmung sorgten: „...die kommen erst in einer Woche.“ meinte der Wirt.
Der Regen wird eher heftiger und ich ziehe, nachdem ich meine Kohlenhydratspeicher mit Pasta aufgefüllt habe, weiter. Zu Beginn geht der Pfad über den Schlinigpass leicht bergauf. Die Felswacken sind fürchterlich glitschig und Schlamm und Kuhkacke lauern darauf, mich am Boden zu sehen. Aber diesen Gefallen tue ich denen nicht! Am Drehkreuz übertrete ich die Grenze zur Schweiz. Jetzt wird der Trail immer besser und macht trotz Nässe total viel Spass.
Bis zum Schluchteingang ist alles fahrbar, doch ab hier gibt´s Fahrverbot! Vor 101 Jahren wurde ein etwa 600 m langer Felsweg in die senkrechte Wand geschlagen. Davor war die Quarschlucht nicht begehbar. Das Bike schieben: natürlich, denn einen Fahrfehler bezahlt man hier mit dem Leben. Der Weg ist überwiegend ungesichert. Schwindelfreiheit und das Nichtvorhandensein von Höhenangst sind hier Grundvorraussetzungen für Genuß an diesem Bauwerk und dem einzigartigen Canyon. Ich sehe das nach 2006 bereits zum zweiten Mal – immer wieder der Hammer! Wahrscheinlich ist das wirklich die spektakulärste Schlucht der Alpen?
Blick von der Quarschlucht ins Val dUina. Das Schneefeld beschert mir eine kleinere Klettereinlage bis ich etwa ab hier wieder fahren kann. Genial flowig geht es runter zum Weiler Uina Dadaint .
Jahrhunderte lang war der Weiler ganzjährig bewohnt, jetzt bewirtschaftet die Familie mit ihren vier Kindern und zwölf Kühen das Anwesen nur noch in den Sommermonaten. Der leckere Käse ist absolut empfehlenswert. Die nette junge Bedienung ist nicht so schüchtern, wie es hier auf dem Bild den Anschein erweckt: „Willst du was?“ „Ja gerne, was hast du denn?“ „Kannst du lesen?“ Kann ich Glückspilz und bestelle mir bei der taffen Püppie einen schönen heißen Kaffee. Die Sonne löst den Regen ab und sofort wird es spürbar wärmer. Nach der Kaffepause und der netten Unterhaltung mit dem schwizer Madel fliege ich erst auf dem Trail und später weiter rasant auf Schotter durch das Val dUina bis ins Inntal nach SurEn.
Neben dem Flusslauf geht es in einem ständigen Auf und Ab auf einem herrlichen Waldweg durch das Inntal, bis nach ein paar Kilometern die Kette wieder auf die links liegenden Ritzel verbannt wird. Vielleicht 600 Höhenmeter sind es jetzt noch einmal am Stück auf einem gut ausgebauten Schotterweg hinauf zur Norbertshöhe.
Ich transpiriere wie verrückt und bin froh darüber unten im Tal meine Wasserflaschen noch einmal gefüllt zu haben. Irgendwann glaube ich, längst die Höhe der Norbertshöhe erreicht zu haben. Dann geht es noch ein ganzes Stück auf einem Höhenweg entlang der irgendwann als Trail weiterführt. Allerdings geht es jetzt im Sturzflug bergab und bald erreiche ich die Norbertshöhe. Mein Gefühl hatte mich also nicht getäuscht – statt rauf ging es zur Norbertshöhe bergab. Da wäre der Anstieg über die Straße heraus aus dem Inntal tatsächlich einfacher gewesen, aber Straße fahren wollte ich eigentlich auch nicht wirklich. Also war´s gut so!
Nach ein paar Pedaldrehungen stehe ich über Nauders.
Andrea macht das Zielfoto und freut sich mit mir über den „Zieleinlauf“.
Mein Fazit: Endlos geile Tour mit traumhaften Panoramen! Der Regen trug dafür Sorge, dass kaum Wanderer und Biker unterwegs waren und ich somit auf den flowigen Trails Vollgas geben konnte, selbst in der Galerie kam mir lediglich eine Wandergruppe entgegen. Und mit knapp 2.000 Höhenmetern und 76 Kilometern ist die Runde durchaus für jeden halbwegs trainierten Biker an einem Tag zu schaffen. Meine reine Fahrzeit betrug knapp 7 Stunden.

Und: die Tour fahre ich garantiert irgendwann noch einmal! Ja und Nauders: Ist für Mountainbiker immer eine Reise wert! Sicher werden wir uns beim nächsten Aufenthalt im Hotel Central einquartieren - Harry Ploner ist total auf Biker eingestellt!

Kommentare:

  1. Sehr schön, Lutz!
    Ich kann deine Worte mit den Lobeshymnen zum Startort Nauders nur bestätigen. Wir waren nun schon zweimal dort und wir werden mit Sicherheit noch einmal dort hin fahren.
    Allerdings nächtigen wir in einem anderen Hotel, dieses auch mit Biker-Pauschale.
    Die Val d'Uina haben wir aber aus den von dir genannten Gründen nicht besucht.

    AntwortenLöschen
  2. Hawki - wahnsinn !!! Hammer geiler Bericht mit klasse Fotos !!!

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.